Da tanzen alle Puppen
20.05. Berlin SO 36
Wir sind in Berlin. Das alteingesessene SO36 empfängt uns herzlich. Während der Show ist die erste Reihe manchmal lauter als wir selbst. Die Stimmung ist hervorragend. Doch ich muss zugeben, dass wir heute alle mit den Gedanken schon bei einem weiteren Höhepunkt dieses Tages sind.
Im Tourbus hängen nämlich seit zwei Tagen Ankündigungsplakate, die für eine theatrale Weltsensation werben, die allerdings nicht näher benannt wird. Vielsagendes Grinsen der Kollegen SupaKnut und Dr. Thomas machen die Spannung beinahe unerträglich, und als wir nach der Vorstellung und einem leckeren italienischen Mahl alle dicht gedrängt (ein paar illustre Gäste sind auch anwesend) im vorderen Bereich unseres Busses sitzen, erwartet uns tatsächlich ein kultureller Leckerbissen ganz besonderer Art.
Die erste VPPKT-Show, aufgepasst: VollPlaybackPuppenKasperleTheater-Show, zieht uns alle von der ersten Sekunde an in ihren Bann. Ich meine, Vollplaybacktheater ohne Schauspieler, dafür mit Handpuppen?! Auf den Gedanken muss man erstmal kommen!
Diese völlig neue Theaterform hat ganz sicher eine große Zukunft vor sich!!

begeistertes VPPKT-Premierenpublikum
Das beweist auch ein Blick in die Kritikenseite der Theater Heute, die zwar selbstverständlich kritisch urteilt, aber doch durchaus ernsthaftes Interesse zeigt. Hier der Artikel:

Das Leichenhaus der Lady L.
Es war eine unheilvolle Nacht. Eine Nacht der Geister. Aber die junge Frau auf dem breiten Bett störte das nicht, für sie sollte es eine Nacht der Liebe werden. Der schöne Marquis war ihr neuer Liebhaber. Lady Laduga war eine betörend schöne Frau. Das war ihr Verhängnis…
Der diesem Theaterstück zu Grunde liegende Roman wurde nach den Richtlinien der Arbeitsgemeinschaft Jugendmedienschutz deutscher Romanverleger geprüft und zur Veröffentlichung freigegeben.
Der Schriftsteller und Dramatiker Jason Dark lässt in seinen Werken gerne Menschen zusammentreffen, die unterwegs sind und dabei keine großen Worte machen. Wichtiger als das, was die Figuren sagen, ist das, was sie verschweigen. Oftmals bettet er seine Geschichten in die Landschaft des englischen Westens und beschreibt die davon geprägten emotionalen Landschaften im trockenen Erzählton.

In dem Drama „John Sinclair – Das Leichenhaus der Lady L.“ , eine Gemeinschaftsproduktion mit dem VPPKT (Vollplaybackpuppenkasperletheater), ignoriert der Meister des Horror-Romans natürliche Grenzen und zeigt die Protagonisten auch nach der letzten Etappe ihres Lebensweges. Es ist ein Unstück über die Grenzen von Leben und Tod hinweg.
Eine Frau stirbt. Ihre Gedanken, die sie in der Todesstunde ausspricht, sind nicht die letzten Worte, die wir von ihr hören. Auch nach ihrem Tod reflektiert sie in gewisser Weise voller Verwunderung ihre Situation. Der Redefluss wird für sie zur letzten Verbindung zur Außenwelt. Auch die Hinterbliebenen wissen um die Kommunikationsbrücke, denn solange kommuniziert wird, ist der Mensch nicht gestorben. Mit Worten kann das eigene Gewissen beruhigt und zur Not sogar zugeschüttet werden. Doch – wie im Leben – redet man auch jetzt aneinander vorbei.
Die unerschrockene Regisseure Käptn SupaKnut und Doktor Thomas, die offensichtlich eine Vorliebe für nicht einfach umzusetzende Theaterstücke haben, entwickeln aus der Vorlage einen kuriosen Totentanz. Dabei geht es der Regiearbeit anscheinend nicht um die Frage, welche vielschichtigen Aussagen der Autor mit dem Text verbindet.
Das VPPKT reißt den hörspieltauglichen Text aus seiner kammerspielartigen Intimität und münzt den Stoff mit Mitteln des Kassettenrekorders in ein Theater-Experiment um.
Die karge Bühne vermittelt den Eindruck eines Raumes im gerichtsmedizinischen Institut.
Wie eine Girliegroup formieren sich Figuren in einer Linie vor der Rampe, um ihre Stimmen und Stimmungen an das Publikum richten. Der Protagonist begibt sich in den hinteren Teil der Bühne, wo sich bereits auf Tischen aufgebahrte und abgedeckte Leichen befinden.
Zu den zäh fließenden Monologen und Dialogen und der mit der Dauer fast schon tödlich langweiligen elegischen Bühnensituation bilden atmosphärische Geräusche elektronisch aufgemotzter Musik, präparierte Klavierklänge, scheppernd umfallende Flaschen und eine schöne zarte Flötenstimme einen wichtigen Kontrapunkt.
Das Musiker-Ensemble, das größtenteils bei seiner Arbeit an Bühne zu sehen ist und zusätzlich die schauspielerische Aufgabe von Pausenclowns erfüllt, nennt sich „Der Kassetttenrekorder“. Passend zum Thema kreiert selbiger einen zeitgemäßen, eigenwillig-theatralischen TripHop.
Trotz der liebevollen Requisite und einiger heftiger Zuckungen der Akteure bleibt die Sprache einer merkwürdigen Körperlosigkeit verhaftet. Damit verwirklichen Doktor Thomas und SupaKnut die Vorstellung des Autors Dark, der sich Stimmen aus verschiedenen Quellen wünschte und keine klassische Strukturen mit der Möglichkeit jede Stimme erklären oder rechtfertigen zu wollen.
Die Darsteller sind selbst bloße Lautsprecher für die Stimmen, die Gedanken und Gefühle auf den ungewissen Weg schicken und die Unerbittlichkeit des Todes ahnen.
Da das Regiegespann nur eine trostlose Einbahnstraße beschreibt und keine Persönlichkeiten und Geschichten entwickelt, erscheinen die Figuren weit entfernt. Fraglich, was die Darsteller dem Publikum davon nahe bringen können.
Was soll die Produktion aufzeigen? War es lediglich eine Fingerübung, Richtung „Experimentelles Theater“? Das Publikum bekommt ein Hörspiel geboten, welches zum Performance-Ereignis hochgezüchtet ist. Wenn aber die Inhalte nicht für 25 Minuten tragfähig sind, so mag das Experiment alleine, in einer Zeit, in der längst schon alles geht, nur wenig bewirken.
Das Premierenpublikum applaudierte wohlwollend, was als klares Signal an die junge Generation von Regisseuren gewertet werden kann. Bei aller Experimentierfreude sollte in Abwandlung eines Werbeslogans beherzigt werden: „Auch der Inhalt zählt.“ (chl)
Bisbald, Euer Christoph
Foto: Dr. Thomas
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NACHTRAG:
Soeben habe ich ein längst verschollen geglaubtes Originalvideo der Publikumsreaktionen wiedergefunden, das ich Euch nicht vorentahlten möchte:
Beste Grüße, der liebe J. alias der Webmaster

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